Geh' mir weg mit "nett"!

17.08.2013 17:51

Ich habe eine "nett"-Aversion. Keine Ahnung, warum. Nett hat für mich irgendwie den Touch von gewöhnlich, langweilig, angepasst, nicht spannend genug. Haltet mich für eigenartig, aber ich hab' da keinen Bock 'drauf!

Wie komme ich darauf? Naja, da gäbe es einige Beispiele :-)

Fangen wir mal ganz harmlos an: in letzter Zeit ist mir Potsdam irgendwie zu nett. Obwohl ich immer noch sehr, sehr gern hier lebe und bestimmt auch noch eine Weile bleiben werde, ist ein Eintauchen ins gute alte Berlin immer wieder sehr erfrischend.

Wohltemperierter Rotwein zum ausgesuchten Antipasti-Teller auf der verkehrsberuhigten Fussgängerzone oder leicht ranziger Frittierfettmief und Flaschenbier in Raucherkneipen direkt an der Straße? So "nett" ersteres auch ist, so sehr leide ich unter dem Entzug von letzterem!  Das ist wie mit der Geschichte vom Paradies - immer nur gebratene Tauben per Luftfracht in den Verdauungskanal kann auf Dauer ganz schön eintönig sein.

Der Inbegriff der Dekadenz meines Potsdamer Lebens: ich gehe in diesem Jahrhundertsommer öfter mal einfach so nach der Arbeit spontan baden. Wo? Im Neuen Garten, gegenüber vom Marmorpalais - für ein paar Schwimmstöße im Heiligen See. Fünf Minuten mit dem Auto von meiner Terrasse entfernt, Parkplatz inklusive. Riesige Liegewiesen, wunderbare Badebuchten, tolles, klares Wasser. Alles ist so nett und sauber hier (jede Nacht kommen gute Seelen und leeren Papierkörbe und sammeln Restmüll weg). Um mich herum lauter entspannte Twentiesomethings mit Joints im Mundwinkel oder Deutschrussen mit dicken Kindern.

Ich wage mich an die These, dass deutsch und russisch in Potsdam gleichberechtigte Amtssprachen sind. Aber alles andere - njiente, nada, nix. Von Multikulti keine Spur. Was in Berlin an Migrationshintergrund zuviel aufläuft, verirrt sich nach Potsdam gar nicht. Gerade mal eine Quotenschwäbin haben wir in der Ruinenbergkaserne. Okay: die schwätzt laut genug für drei, ist aber immer noch keine Bedrohung für den Kiezgedanken. Ansonsten werden wir hier eher von Nordlichtern geflutet, die ihre hanseatischen Geldreserven in Ferienwohnungen anlegen und sich tunlichst nicht unters Volk mischen.

Potsdam ist so nett reinrassig, dass es politisch schon wieder arg bedenklich ist ...